Altenessener ZEITZEICHEN

Bergbau in Altenessen

Der Bergbau in Altenessen (die heutigen Stadtteile Altenessen-Nord und Altenessen-Süd waren bis 1915 die selbständige Gemeinde Altenessen) ist eng verbunden mit der Entwicklung der Eisenbahn.

Kaum hatte im Mai 1847 mit der Köln-Mindener Eisenbahn als erster Strecke und dem Bahnhof Altenessen der Bahnbetrieb im Ruhrgebiet begonnen, wurde noch im gleichen Jahr der erste Schacht in der damals noch selbständigen Gemeinde gegraben (abgeteuft): Zeche Anna, Ecke Krabler-/Gladbecker Straße nahm 1851 die Förderung auf. Rasant nahm der Bergbau nun Fahrt auf (Die Daten nennen jeweils den Beginn der Förderung): 1859 folgten Zeche Heinrich (Altenessener-/Neuessener Straße), 1861 Zeche Carl (Wilhelm-Nieswandt-Allee), 1875 Zeche Fritz (Heßlerstraße), 1876 die Emscherschächte (Daniel-Eckhardt-Straße), 1904 Emil (Gladbecker-/Vogelheimer Straße). Diese Zechen wurden vom Kölner Bergwerksverein und von der Bergbaugesellschaft Neu-Essen betrieben, die sich 1912 zum Köln-Neuessener Bergwerksverein zusammenschlossen und schließlich 1930 mit Hoesch in Dortmund fusionierten. Dazu kam noch seit 1873 die Zeche Helene, die später zum Krupp-Konzern gehörte.
Mehrere Kokereien ergänzten das Bild.
Mehr als 10.000 Bergleute waren in Altenessen tätig.
Die Zechen Fritz und Heinrich wurden im Jahr 1901 neu organisiert und fortan zusammen als Fritz-Heinrich bezeichnet.

Das Grubenunglück von 1942 auf Fritz-Heinrich

Die Arbeit im Bergbau unter Tage ist mit vielen Gefahren verbunden und erfordert große Sorgfalt. Unfälle, vielfach auch mit Todesfolge, waren nicht an der Tagesordnung, geschahen aber häufig. So kam es auf Carl 1865 zu einem Sprengunglück mit drei Todesopfern, 1871 brach die Seilscheibe auf Heinrich und elf Bergleute starben, 1874 forderte eine Schlagwetterexplosion ebenfalls auf Heinrich 3 Opfer.
Auf vielen Friedhöfen im Ruhrgebiet erinnern Gräberfelder an solche Unglücke.
Zum schwersten Unglück in der Altenessener Bergbaugeschichte kam es am 26. Juni 1942 auf dem Standort Fritz der Zeche Fritz-Heinrich. Im April dieses Jahres hatte Fritz gerade das siebzigjährige Bestehen feiern können.
Auf der Anlage war seit längerer Zeit ein neuentwickeltes Gerät im Einsatz, ein von Elektromotoren gezogener Kohlehobel, der als „eiserner Bergmann“ bezeichnet wurde.
Schon immer hatte der Bergbau ein Interesse daran gehabt, durch den Einsatz von neuen und modernen Maschinen die Leistung zu verbessern. Im Zweiten Weltkrieg war die Kohle zum wichtigsten Rohstoff in Deutschland geworden, was eine Steigerung der Förderung immer dringender erforderlich machte. Gleichzeitig waren viele Bergleute zum Militär einberufen worden und wurden auf den Zechen ersetzt durch schlecht ausgebildete Kräfte oder vor allem durch Zwangsarbeiter.
Die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, für die man natürlich Personal brauchte, wurden dementsprechend vielfach vernachlässigt.
So war es auch am 26. Juni 1942. 17 Männer arbeiteten in der Frühschicht mit dem Eisernen Bergmann auf der siebten Sohle, in einer Teufe (Tiefe) von etwa 615 m unter der Erde. Da es technische Schwierigkeiten gegeben hatte, waren gleichzeitig aber auch eine Reihe von Bergleuten im gleichen Abbaustollen (Streb) mit dem Presslufthammer tätig, so dass die Zahl der Arbeiter in diesem Bereich ungewöhnlich hoch war.
Kurz vor Ende der Schicht gegen 13.30 Uhr gab es plötzlich einen Gebirgsschlag, bei dem sich Spannungen im Gestein schlagartig wie bei einem kleinen Erdbeben lösen. Dadurch können in wenigen Sekunden größere Mengen von Methangas aus der Kohle freigesetzt werden, so dass ein zündfähiges Gemisch entsteht: Eine Mischung aus Gas und Luft, die in einem bestimmten Verhältnis durch einen Funken zur Explosion gebracht werden kann.
Unglücklicherweise kam es zu diesem Funken. Sechs Männer wurden unter dem Gestein verschüttet, das sich bei dem Gebirgsschlag gelöst hatte, 39 weitere wurden durch die Feuerwalze in Folge der Explosion getötet. In rasendem Tempo suchten sich die Flammen und in der Folge heiße, hochgiftige Gase den Weg zum senkrechten Schacht und zur Erdoberfläche. Die Männer starben an den Verbrennungen oder am Einatmen der tödlichen Gase. Teilweise wurden ihnen durch die Druckwelle die Kleider vom Leib gerissen.
Zu den Opfern gehörten zwei italienische Fremdarbeiter.
Sofort wurde Alarm gegeben, die umliegenden Krankenhäuser und Ärzte informiert. Doch die meisten Opfer waren tot, nur sechs Verletzte wurden ins Krankenhaus gebracht. Die benachbarte Gelsenkirchener Bergwerks-AG schickte Rettungskräfte der Grubenwehr. Insgesamt dauerte die Bergung der Toten zehn Tage. Insbesondere die Leichname der Bergleute, die unter dem Gestein verschüttet worden waren, konnten nur schwer geborgen werden.
Sofort nach dem Unglück begann eine umfassende Untersuchung der Ursachen. Klar war, dass der Gebirgsschlag natürliche Ursachen hatte. Allerdings kann der Einsatz des „Eisernen Bergmanns“ eine Rolle gespielt haben, da durch die effektive Abbautechnik Spannungen im Gestein entstehen können.
Für den Funken, der die Explosion auslöste, konnte nicht mit letzter Sicherheit eine Ursache benannt werden. Deutlich wurde aber, dass an vielen Stellen auch bei den elektrischen Anlagen die Sicherheit vernachlässigt worden war. So war z. B. eine defekte Sicherung einfach mit einem offenen Draht umgangen worden, statt sie auszuwechseln. Die Aussage eines jungen Elektrikers bei der Untersuchung macht deutlich, wie hoch der Druck im Rahmen der Kriegswirtschaft war. Als er sich weigern wollte, eine Reparatur auszuführen, für die er gar nicht ausgebildet war, wurde er von seinen eigenen Kollegen als Saboteur beschimpft.

Die Trauerfeier – missbraucht zur Propaganda

Ursprünglich war eine kirchliche Trauerfeier mit Begräbnis geplant. Diese Pläne wurden aber kurzfristig von den nationalsozialistischen Behörden geändert, aus der Trauerfeier wurde eine Propagandaveranstaltung. Sie fand in der Lohnhalle der Zeche Fritz an der Heßlerstraße statt. Dort wurden die Särge mit Blumenschmuck aufgestellt, die Stirnseite war geschmückt mit Hakenkreuzfahnen. Dazu kam eine italienische Fahne, mit der an die zwei italienischen Arbeiter unter den Opfern erinnert wurde.
Italien gehörte 1942 noch zu den Verbündeten Deutschlands im Zweiten Weltkrieg.
Bei der Veranstaltung waren Vertreter der Kohlewirtschaft und der Stadtverwaltung anwesend, vor allem aber Repräsentanten der Nationalsozialisten. Adolf Hitler schickte einen persönlichen Kranz zur Erinnerung, der prominenteste Redner war Robert Ley, Vorsitzender der Deutschen Arbeitsfront und Reichsorganisationsleiter der NSDAP. Er überbrachte zunächst die Kondolenz von Adolf Hitler. In seiner Rede ging es nicht um das menschliche Leid des persönlichen Verlustes der Familien, sondern er stilisierte die Opfer immer wieder als „Soldaten der Arbeit“: Seine Botschaft: So wie der Soldat an der Front sein Leben freudig für das Vaterland einsetzt, kämpft auch der Bergmann an der Heimatfront opferbereit für das Deutsche Vaterland. Er empfahl den Witwen der Getöteten ausdrücklich, diese Haltung an die Kinder zu vermitteln. Danach wurden die Särge mit LKW der Zeche über die Heßlerstraße zum Nordfriedhof gebracht, die Straßen waren dicht gesäumt von Menschen, die mit dem Hitlergruß salutierten.
Die Bergbaugesellschaft beschloss schon im Juli 1942, an der Grabstätte eine Gedenkskulptur aufzustellen, ursprünglich sollte sie von Joseph Enseling gestaltet werden. Vermutlich konnte dieser Plan durch den Krieg nicht sofort umgesetzt werden. Erst Anfang der fünfziger Jahre wurde eine lebensgroße Skulptur aus Bronze aufgestellt, die aber von dem Krefelder Bildhauer Prof. Theo Ackermann (1907-1982) gestaltet wurde. Sie zeigt einen von Gram gebeugten Bergmann, der in seinen Händen die Grubenlampe löscht. Ein ausdrucksstarkes Bild der Trauer in der Bildsprache des Bergbaus.

Die Opfer

Der Diebstahl

Im Laufe der Jahrzehnte hat es eine Umgestaltung der Grabanlage auf dem Nordfriedhof gegeben. Die eigentlichen Gräber auf einer Wiesenfläche wurden eingeebnet, heute erinnern kleine Grabplatten vor der Skulptur mit den Namen der Opfer an das Unglück, am Rand der Grabfläche wachsen kleine Bäume. Die Bronzeskulptur stand am Kopf dieser Fläche.
In der Nacht zum 18. April 2021 wurde die Skulptur von ihrem Sockel abgetrennt und gestohlen, gleichzeitig wurde auf dem Nordfriedhof eine große Zahl von Gräbern verwüstet. Die Tat hat im Stadtteil Betroffenheit und Fassungslosigkeit ausgelöst. Ein Täter konnte nicht ermittelt werden. Vermutet wird, dass die Figur wegen des Metallwertes eingeschmolzen wurde.
Vereinzelte Bemühungen, die Gedenkstätte wieder angemessen herzurichten, gab es nicht oder sie verliefen im Sande.

Die neue Skulptur

Nachdem einige Jahre lang nichts geschehen war, kam aus der Bürgerschaft in Altenessen der Impuls, eine neue Skulptur zu errichten. Diese Idee ging aus vom Lesebuchkreis Altenessen (Geschichtskreis), von der AG Bauen und Wohnen der Altenessen-Konferenz, vom Katholischen Knappenverein 1863 Bergmannsglück Altenessen und vom Landesverband der Berg- und Knappenvereine NRW e. V.. Deren Vertreter schlossen sich zu einem Lenkungskreis zusammen, um dem Vorhaben gemeinsam den nötigen Nachdruck zu verleihen.
Es gelang, bei Förderern das benötigte Geld für eine neue Skulptur und für eine zusätzliche Informationstafel zusammenzubringen und alle auftauchenden formalen Fragen zu lösen.
Der Kettwiger Bildhauer und Steinmetzmeister Thorsten Stegmann wurde mit der Erarbeitung einer neuen Skulptur beauftragt. Sie ist aus Stein geschlagen und lehnt sich an die Formensprache der alten Statue an, ohne eine identische Kopie zu sein. Dem Künstler bleibt Raum für eine eigene Gestaltung.
Die Skulptur wird am 13. Oktober in einer bergmännischen Feierstunde vom Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen der Öffentlichkeit übergeben.
Die Kosten wurden getragen von der RAG-Stiftung, vom Verfügungsfonds „Pack-an“ der Stadtverwaltung Essen und von der Bezirksvertretung im Stadtbezirk V, Altenessen – Karnap – Vogelheim. Weitere Unterstützung kam von der IG Altenessen, von Grün und Gruga/Friedhofsamt und von thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg, die Archivmaterial zur Verfügung stellten.

Fotos & Abbildungen: thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg (KBV_49_179; KBV_49_180; KBV_145; KBV_171), privat